Pferde sind komplexe Patienten — groß, schwer, und mit einer Anatomie die besondere Anforderungen an orthopädische Hilfsmittel stellt. Bei Trittwerk fertigen wir Maßbandagen und Orthesen für Pferde in enger Zusammenarbeit mit eurem Pferdetierarzt. Dieser Ratgeber erklärt die häufigsten orthopädischen Probleme beim Pferd und was wir tun können.
Pferdeanatomie — Besonderheiten im orthopädischen Kontext
Das Pferd ist als Fluchttier evolutionär auf Schnelligkeit und Ausdauer ausgerichtet. Seine Extremitäten sind anatomisch hochspezialisiert: lange Hebel, schlanke Gliedmaßen und eine komplexe Sehnen- und Bandstruktur die jeden Schritt ermöglicht. Genau diese Spezialisierung macht das Pferd auch anfällig für orthopädische Probleme.
Das Fesselgelenk (Metacarpophalangealgelenk) ist das am häufigsten betroffene Gelenk — es trägt enorme Belastungen bei jedem Schritt, Trab und Galopp. Die Fesselbeuge-Sehnen (oberflächliche und tiefe Beugesehne) verlaufen direkt über das Gelenk und sind hochgradig belastungsgefährdet. Der Fesselträger (M. interosseus) hält die Fessung und ist ein weiterer häufiger Verletzungsort.
Pferde sind eine Spezialität bei Trittwerk. Wir arbeiten eng mit Pferdetierärzten und Hufschmieden zusammen. Hausbesuche sind möglich — sprecht uns an.
Lahmheit beim Pferd — Ursachen und Klassifikation
Lahmheit ist das häufigste orthopädische Problem beim Pferd. Sie kann so viele verschiedene Ursachen haben, dass selbst erfahrene Tierärzte manchmal lange suchen müssen. Die Lahmheit wird nach dem Hunter-Blair-Grading in Grade 0–5 eingeteilt:
| Grad | Beschreibung | Klinisches Bild |
|---|---|---|
| 0 | Keine Lahmheit | Völlig unauffälliger Gang |
| 1 | Kaum erkennbar | Nur unter bestimmten Bedingungen (Kreis, hartem Boden) |
| 2 | Leichte Lahmheit | Im Trab erkennbar, aber nicht im Schritt |
| 3 | Deutliche Lahmheit | Im Trab immer erkennbar, im Schritt gelegentlich |
| 4 | Starke Lahmheit | Auch im Schritt deutlich, Pferd schont Bein |
| 5 | Stützbeinlahmheit | Pferd belastet Bein gar nicht |
Häufige Ursachen der Pferde-Lahmheit
- Hufprobleme: Hufabszess, Hufbeinrotation (Hufrehe), Hufgeschwür — häufigste Lahmheitsursache überhaupt
- Sehnenverletzungen: Oberflächliche oder tiefe Beugesehne, häufig durch Überbelastung
- Fesselträgerschaden: Ansatz-, Körper- oder Schenkelverletzung des M. interosseus
- Gelenkentzündungen (Arthritis): Fesselgelenk, Hufgelenk, Karpalgelenk betroffen
- Arthrosen: Ringbein (Phalangeal-Arthrose), Spat (Sprunggelenks-Arthrose)
- Frakturen: Griffelbein, Sesambeinfrakturen, selten lange Röhrenknochen
- Neurologie: Wobbler-Syndrom (zervikale Kompression), EPM
Lahmheitsdiagnose — der Weg zur richtigen Behandlung
Die Lahmheitsuntersuchung beim Pferd ist eine Wissenschaft für sich. Ein erfahrener Pferdetierarzt geht systematisch vor:
- Allgemeine Adspektion: Beurteilung in Ruhe — Stellung der Gliedmaßen, Muskelatrophien, Schwellungen, Wärme
- Bewegungsuntersuchung: Schritt, Trab, Galopp — gerade und auf dem Zirkel, auf hartem und weichem Boden
- Beugeproben: Systematisches Beugen der Gelenke und Beobachtung der Reaktion im Anschluss
- Leitungsanästhesie: Lokalanästhetikum wird schrittweise vom Huf nach oben gesetzt bis die Lahmheit verschwindet — so wird der Schmerzort eingegrenzt
- Bildgebung: Röntgen, Ultraschall, Szintigrafie, MRT (zunehmend verfügbar) je nach Befund
Eine Maßbandage oder Orthese für das Pferd wird immer in Absprache mit dem behandelnden Pferdetierarzt gefertigt. Wir koordinieren direkt mit eurem Tierarzt um sicherzustellen, dass das Hilfsmittel zur Diagnose und Behandlung passt.
Sehnenverletzungen — häufig und folgenreich
Sehnenverletzungen gehören zu den häufigsten und folgenreichsten orthopädischen Erkrankungen beim Pferd — besonders bei Sport- und Arbeitspferden. Die häufigsten Verletzungen betreffen die oberflächliche Beugesehne (OSBS) und die tiefe Beugesehne (TSBS).
Ursachen von Sehnenverletzungen
- Chronische Überbelastung: Häufigste Ursache bei Sportpferden — Mikrotraumata die sich summieren
- Akutes Trauma: Stolpern, Ausgleiten, Sprung mit ungünstigem Aufprall
- Schlechte Hufbearbeitung: Falscher Hufwinkel erhöht Sehnenzug massiv
- Muskelermüdung: Müde Muskeln schützen die Sehnen nicht mehr ausreichend
- Untermaßgebende Aufwärmung: Kaltes Gewebe reißt leichter
Klassifikation und Heilung
Sehnenverletzungen werden im Ultraschall nach dem Ausmaß klassifiziert: Grad I (Peritendinitis, Sehne intakt), Grad II (partielle Ruptur, unter 50%), Grad III (partielle Ruptur über 50%), Grad IV (vollständige Ruptur). Die Heilungszeit ist abhängig vom Grad — von 3 Monaten bei Grad I bis über 18 Monate bei Grad III/IV. Sehnengewebe hat eine schlechte Blutversorgung und heilt langsam.
Eine Trittwerk-Maßbandage für das Pferd kann bei Sehnenverletzungen die Sehne entlasten, das Gelenk in korrekter Position halten und Schwellungen reduzieren. Sie wird in Abstimmung mit dem Tierarzt eingesetzt und unterstützt den Heilungsprozess.
Fesselträgerschaden — die Reiter-Volkskrankheit
Der Fesselträgerschaden (Desmitis des M. interosseus medius) ist eine der häufigsten Lahmheitsursachen bei Sportpferden — besonders Dressur- und Springpferde sind betroffen. Der Fesselträger verläuft von der Röhre nach unten und hält die Fessung des Pferdes. Er besteht aus einem Körper und zwei Schenkeln, die an den Gleichbeinen ansetzen.
Symptome
- Wärme und Schwellung im Fesselbereich oder an den Gleichbeinen
- Schmerzhaftigkeit bei Druck auf den Fesselträger
- Lahmheit variabel — von kaum erkennbar bis deutlich
- Im Ultraschall: vergrößerter, inhomogener Fesselträger, Faserstruktur unterbrochen
Behandlung und Rehabilitation
Fesselträgerschäden erfordern lange Ruhezeiten (6–18 Monate je nach Schwere) und kontrolliertes Aufbautraining. Stoßwellentherapie, Kortison-Infiltrationen und PRP (Platelet Rich Plasma) werden therapeutisch eingesetzt. Eine korrekte Hufbearbeitung — oft mit einem verlängerten Zehenteil — ist essenziell. Trittwerk-Maßbandagen können die Rehabilitation unterstützen.
Arthrose beim Pferd — Ringbein und Spat
Ringbein (Phalangeal-Arthrose)
Das Ringbein ist eine chronische Arthrose der Zehengelenke — entweder des Krongelenks (hohes Ringbein) oder des Hufgelenks (tiefes Ringbein). Es ist gekennzeichnet durch knöcherne Zubildungen (Osteophyten) rund um das Gelenk — im Röntgen als ringförmige Verschattungen erkennbar. Das echte Ringbein betrifft das Krongelenk und ist durch die Lahmheit charakterisiert. Das falsche Ringbein betrifft nur die knöchernen Strukturen außerhalb des Gelenks und verursacht oft keine Lahmheit.
Spat (Sprunggelenks-Arthrose)
Der Spat ist eine Arthrose der kleinen Sprunggelenke (Tarsometatarsalgelenk, distales Intertarsalgelenk). Er tritt bevorzugt bei Pferden mit schlechter Sprunggelenkswinkelung auf. Im Röntgen sieht man Knochenzubildungen an der Innenseite des Sprunggelenks. Klinisch zeigt sich eine wechselnde Lahmheit die sich beim Vorwärtsgehen oft "austreten" lässt — das charakteristische Spat-Zeichen.
Gelenksinjektionen (Kortison, Hyaluronsäure, PRP), Hufbearbeitung und Stoßwellentherapie sind die Hauptbehandlungen. Maßbandagen können das Gelenk entlasten und Wohlbefinden verbessern.
Hufrehe — ein orthopädischer Notfall
Die Hufrehe ist eine der schmerzhaftesten und gefährlichsten Erkrankungen beim Pferd. Es handelt sich um eine Entzündung und Ischämie der Huflederhaut — der hochsensiblen Verbindung zwischen Hufbein und Hornschuh. In schweren Fällen kann das Hufbein rotieren oder sogar durch die Hufsohlenfläche treten.
Ursachen der Hufrehe
- Futterrehe: Zu viel Kohlenhydrate (Getreide, frisches Gras) → Dysbiose im Darm → Freisetzung von Toxinen
- Belastungsrehe: Extrem einseitige Belastung eines Beines (z.B. wenn anderes Bein verletzt)
- Medikamenten-Rehe: Kortikosteroide können Rehe auslösen (heute seltenere Dosierungen)
- Systemische Erkrankungen: Kolik, Gebärparese, EMS/PPID
- Eistehen auf hartem Boden
Bei Verdacht auf Hufrehe sofort den Tierarzt rufen. Das Pferd darf NICHT bewegt werden. Sofortmaßnahmen: Weichbett (Sand, Sägemehl), Futterpause, kühle Bäder der Hufe. Jede Stunde zählt für die Prognose.
Maßbandagen für Pferde — was Trittwerk anbietet
Trittwerk fertigt Maßbandagen für Pferde die weit über eine einfache Stützfunktion hinausgehen. Unsere Bandagen werden individuell nach den Körpermaßen des Pferdes und der spezifischen Diagnose gefertigt — kein Konfektionsprodukt.
Einsatzbereiche
- Sehnenverletzungen: Entlastung und Schutz der verletzten Sehne während der Heilungsphase
- Fesselträgerschaden: Stabilisierung der Fessung und Entlastung des M. interosseus
- Post-operative Versorgung: Nach arthroskopischen oder orthopädischen Eingriffen
- Chronische Arthrose: Entlastung und Wärme für arthrotische Gelenke
- Präventiv: Bei bekannter Schwachstelle eines Sportpferdes während des Trainings
- Rehabilitation: Kontrollierter Belastungsaufbau nach Verletzung
Der Fertigungsprozess
- Diagnose und Tierarzt-Abstimmung: Wir koordinieren mit dem betreuenden Pferdetierarzt um sicherzustellen, dass die Bandage zur Behandlung passt.
- Abformung: Präzise Vermessung des Pferdebeins — idealerweise bei uns in Dassendorf, bei Bedarf auch als Hausbesuch.
- Materialwahl: Je nach Diagnose wählen wir das optimale Material — von weichen Neoprenen bis zu halbstarren Thermoplastik-Schalen.
- Fertigung: Handgefertigt in unserem Atelier in Hamburg.
- Anprobe und Feinanpassung: Beim Pferd direkt am Tier — bis die Bandage perfekt sitzt.
- Einweisung: Anlegen, Tragedauer, Pflege und worauf zu achten ist.
- Nachsorge: Alle Anpassungen sind kostenlos.
Rehabilitation des Pferdes — ein strukturierter Prozess
Die Rehabilitation eines verletzten Pferdes ist ein Langzeitprojekt das Geduld, Konsequenz und enge Zusammenarbeit zwischen Besitzer, Tierarzt, Hufschmied und — wo nötig — Orthopädietechniker erfordert.
Rassen und typische orthopädische Probleme
Warmblüter zeigen häufig Fesselträgerschäden und Sehnenverletzungen durch intensive Sportbelastung. Vollblüter und Traber leiden oft unter akuten Sehnenverletzungen durch extreme Geschwindigkeit. Ponyrassen sind besonders anfällig für Hufrehe durch metabolische Erkrankungen wie EMS.
Zusammenarbeit mit eurem Tierarzt
Trittwerk versteht sich nicht als Ersatz für den Pferdetierarzt — sondern als Partner. Wir kommunizieren direkt mit eurem Tierarzt, besprechen die Diagnose, die Behandlungsstrategie und welches Hilfsmittel optimal passt. Für komplexe Fälle vereinbaren wir gerne einen gemeinsamen Termin.
Pferde sind große, komplexe Patienten. Eine Maßbandage die nicht sitzt ist wertlos — schlimmstenfalls schädlich. Deshalb nehmen wir uns die Zeit für präzise Abformung und enge Abstimmung mit dem Tierarzt.
Praktische Tipps für Pferdebesitzer
- Regelmäßige Hufpflege: Alle 6–8 Wochen beim Hufschmied — die Basis jeder Orthopädie
- Geeigneter Untergrund: Weicher, ebener Boden schützt Sehnen und Gelenke
- Korrektes Aufwärmen: Mindestens 10–15 Minuten Schritt bevor intensiver gearbeitet wird
- Gewichtskontrolle: Übergewicht erhöht Gelenkbelastung erheblich — besonders kritisch bei Rehe-Gefährdung
- Ultraschall-Prophylaxe: Bei intensiv genutzten Sportpferden regelmäßig Sehnen-Ultraschall als Frühdiagnostik
- Bewegungsprotokoll: Langsam steigern, nie abrupt überlasten — der häufigste Fehler
Häufig gestellte Fragen zur Pferde-Orthopädie
Fazit
Pferde-Orthopädie braucht Präzision und Geduld.
Eine Verletzung beim Pferd ist immer ernst zu nehmen — aber mit der richtigen Diagnose, konsequenter Rehabilitation und einem gut sitzenden Hilfsmittel haben die meisten Pferde eine gute Prognose.