Ausführlich
Die Neurektomie (umgangssprachlich auch „Nervenschnitt“) ist eine seit langem etablierte chirurgische Maßnahme in der Pferdeorthopädie. Ziel ist die dauerhafte oder zumindest langfristige Unterbrechung der Schmerzweiterleitung aus einem chronisch schmerzhaften Bereich, wenn konservative Therapien wie Beschlagskorrektur, Medikation, Physiotherapie oder orthopädische Hilfsmittel nicht mehr ausreichend wirken.
Anatomischer Hintergrund
An der Pferdegliedmaße ziehen die sensiblen Nerven entlang der Beugesehnen nach distal. Im Bereich der Fesselbeuge teilen sich die Nervi digitales palmares (vorn) bzw. plantares (hinten) in einen medialen und lateralen Ast, die den hinteren Hufbereich, die tiefe Beugesehne, das Strahlbein und Teile der Hufrolle sensibel versorgen. Die häufigste Form der Neurektomie beim Pferd ist die Posterior Digital Neurectomy (PDN) , bei der diese palmaren/plantaren Nervenäste oberhalb der Fessel durchtrennt werden.
Indikationen
Chronische Podotrochlose (Hufrollensyndrom) mit anhaltender Lahmheit
Therapieresistente Schmerzen im hinteren Hufbereich
Bestimmte chronische Sehnen- oder Knochenerkrankungen im distalen Bereich, wenn andere Therapien ausgeschöpft sind
Risiken und Grenzen
Die Neurektomie ist ein symptomatischer Eingriff: die zugrunde liegende Pathologie (z. B. Veränderungen am Strahlbein oder an der tiefen Beugesehne) besteht weiter. Da das Pferd die Schmerzwarnung verliert, können sich strukturelle Schäden unbemerkt verschlimmern. Mögliche Komplikationen sind Neurombildung, schmerzhafte Narbenbildung, Wiederherstellung der Nervenleitung (Nervenregeneration) sowie ein erhöhtes Risiko für Rupturen der tiefen Beugesehne. In vielen Reglements (z. B. im Turniersport) ist die Neurektomie meldepflichtig oder führt zum Startverbot.
Orthopädische Relevanz
In der konservativen Orthopädie wird die Neurektomie als Ultima Ratio betrachtet. Vor einem solchen Eingriff sollten alle weniger invasiven Optionen ausgeschöpft sein: darunter angepasster Beschlag, orthopädische Hufschuhe, Bandagen und Gelenkorthesen zur Entlastung sowie Physiotherapie. Auch nach einer Neurektomie bleibt die orthopädische Versorgung wichtig, um die Gliedmaße zu stabilisieren und Folgeschäden vorzubeugen.
Mögliche Symptome
Chronische, therapieresistente Lahmheit
Wiederkehrende Schmerzen im hinteren Hufbereich
Verkürzter Bewegungsablauf trotz Beschlagskorrektur
Schonhaltung der betroffenen Gliedmaße
Positive Beugeproben am Zehengelenk
Orthopädische Indikationen
Postoperative Entlastung und Stabilisierung der Gliedmaße
Orthopädische Hufschuhe oder Spezialbeschlag zur biomechanischen Entlastung
Fesselbandagen zur Unterstützung von Sehnen und Bändern
Gliedmaßenorthesen bei zusätzlicher Sehneninstabilität
Prophylaktische Schutzversorgung wegen reduzierter Schmerzwahrnehmung
Häufige Fragen
Der Eingriff selbst erfolgt unter Anästhesie und ist standardisiert. Risiken bestehen jedoch in Komplikationen wie Neurombildung, Nervenregeneration oder einem erhöhten Risiko für Sehnenschäden, da das Pferd den Warnschmerz verliert. Eine sorgfältige Indikationsstellung durch den Tierarzt ist daher entscheidend.
Viele Pferde werden nach einer Neurektomie wieder lahmfrei und können je nach Grunderkrankung und Reglement weiter genutzt werden. Im Turniersport gelten jedoch besondere Regelungen, und das Risiko für Folgeschäden bleibt. Die Belastung sollte immer in Absprache mit dem Tierarzt erfolgen.
Ja. Vor einem Nervenschnitt sollten orthopädischer Beschlag, Hufschuhe, gezielte Physiotherapie, medikamentöse Therapie sowie unterstützende Orthesen und Bandagen ausgeschöpft werden. Auch moderne Verfahren wie diagnostische Anästhesien und bildgebende Verlaufskontrollen helfen, weniger invasive Therapiewege zu finden.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit eurem Tierarzt.