Ausführlich
Der Tibiaplateauwinkel beschreibt die Neigung der oberen Gelenkfläche des Schienbeins (Tibia), auf der sich die Femurkondylen des Oberschenkelknochens abstützen. Beim Hund ist diese Fläche nach kaudal (nach hinten) abfallend geneigt: im Gegensatz zum nahezu horizontalen Plateau beim Menschen. Dadurch entsteht beim Auftreten eine ständige nach vorne gerichtete Schubkraft im Kniegelenk (tibial thrust), die normalerweise durch das vordere Kreuzband (Lig. cruciatum craniale) ausgeglichen wird.
Messung des TPA
Der TPA wird auf einer streng seitlichen Röntgenaufnahme des Unterschenkels in voller Länge bestimmt. Dazu werden zwei Linien konstruiert: die mechanische Achse der Tibia (vom Zentrum der Sprunggelenksrolle zum interkondylären Höcker) und eine Linie entlang der medialen Tibiaplateaufläche. Der Winkel zwischen einer Senkrechten zur Tibiaachse und der Plateaulinie ergibt den TPA.
Klinische Bedeutung beim Hund
Ein erhöhter Tibiaplateauwinkel (über 28 bis 30°) gilt als prädisponierender Faktor für den vorderen Kreuzbandriss, da die Belastung des Kreuzbandes mit zunehmendem Winkel steigt. Besonders bei großen und mittelgroßen Rassen wie Rottweiler, Labrador, Boxer oder Mastiff wird ein steiles Tibiaplateau häufig beobachtet.
Bezug zu Operation und Orthetik
Operative Verfahren wie die TPLO (Tibial Plateau Leveling Osteotomy) zielen darauf ab, den TPA durch eine Osteotomie auf etwa 5 bis 6° zu reduzieren und so die Schubkraft im Knie zu neutralisieren. Wird eine Operation nicht durchgeführt: etwa bei alten Hunden, Multimorbidität oder auf Wunsch des Halters: kann eine maßgefertigte Knieorthese das Kniegelenk stabilisieren und die fehlende Funktion des Kreuzbandes biomechanisch teilweise kompensieren.
Physiologischer TPA Hund: ca. 18 bis 24°
Grenzwertig erhöht: 25 bis 28°
Deutlich erhöht (Risikofaktor): > 28°
Ziel nach TPLO: ca. 5 bis 6°
Mögliche Symptome
Lahmheit der Hintergliedmaße
Entlastung des betroffenen Beins im Stand (Zehenspitzenstellung)
Schubladenphänomen im Kniegelenk
Muskelatrophie der Oberschenkelmuskulatur
Steifer Gang nach Ruhephasen
Sitzen mit abgespreiztem Hinterbein
Orthopädische Indikationen
Knieorthese bei vorderem Kreuzbandriss (konservative Versorgung)
Postoperative Stabilisierung nach TPLO oder TTA
Versorgung bei nicht operabler Patellaluxation in Kombination mit Kreuzbandinstabilität
Unterstützung bei chronischer Knieinstabilität und Arthrose
Übergangsversorgung bei verzögerter Operation
Häufige Fragen
Ab einem TPA von etwa 28 bis 30° gilt der Winkel als deutlich erhöht. Solche Hunde haben ein erhöhtes Risiko für einen vorderen Kreuzbandriss, da die nach vorne gerichtete Schubkraft im Knie zunimmt. Die genaue Beurteilung sollte immer durch einen Tierarzt mit orthopädischer Erfahrung erfolgen.
Nein, eine Orthese verändert die knöcherne Anatomie nicht. Sie kann jedoch die durch den Tibiaplateauwinkel entstehende Instabilität funktionell ausgleichen, indem sie das Kniegelenk führt und die Schubladenbewegung begrenzt. Dadurch wird die Belastung auf umliegende Strukturen reduziert.
Nicht zwangsläufig. Ein erhöhter TPA ist ein Risikofaktor, aber kein eigenständiger OP-Grund. Erst bei Kreuzbandruptur oder klinischen Beschwerden wird eine Therapie nötig. Ob operativ (z. B. TPLO) oder konservativ mit Orthese versorgt wird, entscheidet der Tierarzt individuell nach Alter, Größe, Aktivitätsniveau und Begleiterkrankungen.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit eurem Tierarzt.