Ausführlich
Der Plexus brachialis ist ein Nervengeflecht aus den Nervenwurzeln der Halswirbelsäule (C6-C8) und des ersten Brustwirbelnerven (T1), das die gesamte Vordergliedmaße der Katze mit motorischen und sensiblen Nervenfasern versorgt. Bei einer Avulsion werden diese Nervenwurzeln durch massive Zugkräfte vom Rückenmark abgerissen: eine Verletzung, die nicht regenerierbar ist, da die Nervenzellen im Rückenmark selbst geschädigt werden.
Bei Katzen tritt eine Brachialplexusavulsion typischerweise nach Hochrasanztraumata auf, besonders nach Verkehrsunfällen oder Stürzen aus mehreren Stockwerken (High-Rise-Syndrom). Die Vordergliedmaße wird dabei durch extreme Zugkräfte vom Körper weggezogen, wodurch die Nervenwurzeln aus dem Rückenmark reißen. Je nach Ausmaß der Verletzung können einzelne oder alle Nervenwurzeln betroffen sein, was zu unterschiedlich schweren Lähmungserscheinungen führt.
Klinisches Erscheinungsbild
Betroffene Katzen zeigen eine schlaffe Lähmung der Vordergliedmaße, die herabhängt und nicht bewusst bewegt werden kann. Typisch sind auch der Verlust des Schmerzempfindens in der Pfote, ein herabhängendes Schulterblatt, eine abnorme Pfotenhaltung mit aufgestellten Zehen (durch Verlust der Beugermuskelfunktion) und häufig ein Horner-Syndrom (hängendes Augenlid, verkleinerte Pupille, zurückgezogener Augapfel) auf derselben Seite, wenn der T1-Nerv betroffen ist.
Diagnostik und Prognose
Die Diagnose erfolgt durch neurologische Untersuchung, Röntgen zum Ausschluss von Knochenbrüchen und bei Bedarf durch Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Nervenfunktion. Die Prognose hängt vom Schweregrad ab: Partielle Läsionen können sich über Wochen bis Monate teilweise erholen, während komplette Avulsionen mit Verlust der Schmerzempfindung eine sehr schlechte Prognose haben. Viele Katzen lernen jedoch, auf drei Beinen zu laufen.
Orthopädische Versorgung
Bei irreversibler Lähmung kann eine speziell angepasste Orthese die funktionslose Gliedmaße stabilisieren und vor Verletzungen schützen. Sie verhindert das Nachschleifen der Pfote und ermöglicht der Katze eine bessere Mobilität. In schweren Fällen, wenn die Gliedmaße nur noch stört und selbstverstümmelndes Verhalten auftritt, kann eine Amputation notwendig werden. Katzen kompensieren den Verlust einer Vordergliedmaße in der Regel sehr gut und erreichen nach Abheilung wieder eine hohe Lebensqualität.
Mögliche Symptome
Schlaffe Lähmung der Vordergliedmaße
Herabhängende Gliedmaße ohne Gewichtsbelastung
Verlust des Schmerzempfindens in der Pfote
Abnorme Pfotenhaltung mit aufgestellten Zehen
Herabhängendes Schulterblatt
Horner-Syndrom (hängendes Augenlid, kleine Pupille)
Nachschleifen der betroffenen Pfote
Selbstverstümmelung bei vollständigem Gefühlsverlust
Orthopädische Indikationen
Stabilisierende Vordergliedmaßen-Orthese bei irreversibler Lähmung
Schutzorthese zur Vermeidung von Pfotenverletzungen beim Nachschleifen
Funktionsorthese zur Unterstützung der Mobilität auf drei Beinen
Weichteilschutz-Bandage bei beginnender Selbstverstümmelung
Häufige Fragen
Die Prognose hängt vom Schweregrad der Nervenschädigung ab. Partielle Verletzungen können sich über 3-6 Monate teilweise erholen. Wenn jedoch das Schmerzempfinden in der Pfote vollständig fehlt (Test durch Tierarzt), ist eine vollständige Avulsion wahrscheinlich und die Prognose für funktionelle Erholung sehr schlecht. Dein Tierarzt kann durch neurologische Tests und gegebenenfalls EMG-Untersuchungen die Prognose einschätzen.
Eine Amputation ist nicht immer notwendig. Viele Katzen lernen, auf drei Beinen gut zu laufen, während die vierte Gliedmaße einfach "mitgetragen" wird. Eine Amputation wird vor allem dann empfohlen, wenn die Katze die gefühllose Pfote durch Nachschleifen ständig verletzt, selbstverstümmendes Verhalten zeigt oder die Gliedmaße die Bewegung stark behindert. Eine stabilisierende Orthese kann oft eine Alternative zur Amputation darstellen.
Eine speziell angepasste Orthese kann die gelähmte Gliedmaße in einer funktionellen Position stabilisieren und die Pfote vor Verletzungen durch Nachschleifen schützen. Sie ermöglicht der Katze, die Gliedmaße beim Laufen besser einzusetzen oder zumindest kontrolliert mitzuführen. Die Orthese verhindert auch Kontrakturen (Versteifungen) der Gelenke und kann in manchen Fällen eine Amputation vermeiden helfen. Eine individuelle Anpassung durch Fachleute wie Trittwerk ist dabei entscheidend für den Tragekomfort.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit deinem Tierarzt.