Ausführlich
Die Varusstellung (lat. varus = nach innen gekrümmt) ist eine Achsenfehlstellung der Gliedmaßen, die beim Hund vor allem an den Vorderbeinen auftritt. Dabei weicht die betroffene Extremität von ihrer normalen, geraden Achse nach medial (zur Körpermitte) ab. Im Gegensatz zur Valgusstellung (X-Bein) entsteht hier eine O-Bein-Konfiguration. Am häufigsten sind Radius und Ulna (die beiden Unterarmknochen), das Karpalgelenk (Vorderfußwurzelgelenk) oder der Mittelfuß betroffen.
Anatomisch entsteht die Varusstellung durch unterschiedliches Wachstum der paarigen Unterarmknochen, angeborene Fehlbildungen, Wachstumsfugenverletzungen oder degenerative Veränderungen. Besonders häufig tritt sie bei großwüchsigen Hunderassen während der Wachstumsphase auf, wenn Radius und Ulna nicht synchron wachsen. Ein vorzeitiger Verschluss der distalen Ulna-Wachstumsfuge führt dazu, dass der Radius weiterwächst und sich verkrümmt, was eine Varusdeformität zur Folge hat. Auch Traumata, Mangelernährung oder genetische Dispositionen können ursächlich sein.
Die orthopädischen Folgen einer Varusstellung sind erheblich: Die abnorme Gelenkstellung führt zu ungleichmäßiger Druckverteilung auf die Gelenkflächen, insbesondere im Ellbogengelenk und Karpalgelenk. Dies begünstigt die Entwicklung von Arthrose, Knorpelschäden und chronischen Schmerzen. Die Fehlbelastung betrifft auch die Weichteilstrukturen wie Bänder, Sehnen und Muskeln, die kompensatorisch überlastet werden.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose erfolgt durch klinische Untersuchung und Röntgenaufnahmen, die das Ausmaß der Achsenabweichung und mögliche begleitende Veränderungen wie Ellbogendysplasie oder Arthrosezeichen dokumentieren. Bei jungen, noch wachsenden Hunden kann eine korrektive Osteotomie (chirurgische Durchtrennung und Neuausrichtung des Knochens) die Fehlstellung beheben. Bei ausgewachsenen Hunden oder wenn eine Operation nicht möglich ist, stehen konservative Maßnahmen im Vordergrund.
Orthopädische Hilfsmittel
Orthesen und Bandagen spielen eine wichtige Rolle in der konservativen Therapie und postoperativen Versorgung. Speziell angepasste Vordergliedmaßenorthesen können die Fehlstellung stabilisieren, die Gelenkachse entlasten und eine physiologischere Belastungsverteilung fördern. Sie unterstützen die Heilung nach korrigierenden Eingriffen und reduzieren Schmerzen bei chronischen Verläufen. Ergänzend sind Physiotherapie, Gewichtsmanagement und gelenkunterstützende Futterzusätze empfehlenswert. Bei jeder Varusstellung sollte ein Tierarzt konsultiert werden, um das weitere Vorgehen individuell zu planen.
Mögliche Symptome
Nach innen gerichtete Pfoten
O-Bein-Stellung der Vordergliedmaßen
Abnormes Gangbild
Lahmheit
Belastungsschmerz
Ungleichmäßiger Pfotenkontakt
Gelenksteifigkeit
Verminderte Beweglichkeit
Muskelverspannungen im Schulter-Arm-Bereich
Orthopädische Indikationen
Varusstellung des Unterarms
Karpalgelenk-Varusdeformität
Postoperative Stabilisierung nach Korrekturosteotomie
Wachstumsfugenbedingte Achsenfehlstellung
Sekundäre Arthrose durch Varusstellung
Konservative Therapie bei älteren Hunden
Schmerzreduktion bei chronischer Fehlstellung
Ellbogendysplasie mit Varuskomponente
Häufige Fragen
Bei wachsenden Welpen kann eine leichte Varusstellung in seltenen Fällen durch gezieltes Management noch beeinflusst werden. Moderate bis schwere Fehlstellungen korrigieren sich jedoch nicht spontan und verschlechtern sich meist ohne Behandlung. Je früher die Diagnose erfolgt, desto besser sind die Behandlungsaussichten. Ein Tierarzt sollte die Entwicklung engmaschig überwachen.
Großwüchsige und schnellwachsende Rassen wie Deutsche Doggen, Berner Sennenhunde, Labrador Retriever, Golden Retriever und Rottweiler zeigen eine höhere Anfälligkeit für Wachstumsstörungen, die zu Varusstellungen führen können. Auch Bassets und Dackel können aufgrund ihrer Körperbauweise betroffen sein. Eine ausgewogene Ernährung während der Wachstumsphase ist besonders wichtig.
Eine individuell angepasste Orthese stabilisiert die betroffene Gliedmaße, korrigiert die Belastungsachse und entlastet die überbeanspruchten Gelenkbereiche. Sie reduziert Schmerzen, verbessert das Gangbild und kann das Fortschreiten von Arthrose verlangsam. Nach operativen Korrekturen unterstützt sie die Heilung und schützt die operierten Strukturen. Die Versorgung sollte durch einen Spezialisten für Tierorthopädie wie Trittwerk erfolgen.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit eurem Tierarzt.