Ausführlich
Die Polyarthritis suum ist eine der häufigsten orthopädischen Erkrankungen in der Ferkelaufzucht und Mastschweinehaltung. Charakteristisch ist die gleichzeitige Entzündung von zwei oder mehr Gelenken, wobei besonders Karpal- (Vorderfußwurzel), Tarsal- (Sprunggelenk), Knie- und Ellbogengelenke betroffen sind. Die Erkrankung tritt häufig im Bestand auf und ist daher auch aus tierhygienischer Sicht relevant.
Ursachen und Erreger
Die Erkrankung wird beim Schwein vor allem durch bakterielle Infektionen ausgelöst. Typische Erreger sind Streptococcus suis , Haemophilus parasuis (Glässer’sche Krankheit), Mycoplasma hyosynoviae , Mycoplasma hyorhinis , Erysipelothrix rhusiopathiae (Rotlauf) sowie Trueperella pyogenes . Die Erreger gelangen meist über Verletzungen der Haut, den Nabel, Mandeln oder den Magen-Darm-Trakt in den Körper und siedeln sich hämatogen in den Gelenken an.
Betroffene Strukturen
Synovialmembran (Gelenkinnenhaut). Entzündung und Verdickung
Gelenkknorpel. Erosionen und Abbau bei chronischem Verlauf
Gelenkkapsel. Schwellung, Schmerz
Periartikuläres Gewebe. Schwellungen, ggf. Abszesse
Klinischer Verlauf
Akut zeigen die Tiere hohes Fieber, Lahmheit, geschwollene und warme Gelenke sowie eine deutliche Bewegungsunlust. Bei Ferkeln fällt häufig auf, dass sie nicht mehr zum Gesäuge gelangen und in der Entwicklung zurückbleiben. Chronische Verläufe führen zu dauerhaften Gelenkdeformationen, Muskelabbau und Fehlbelastungen der Gliedmaßen.
Orthopädische Relevanz
Aus tierorthopädischer Sicht spielt die Polyarthritis suum eine Rolle, wenn nach abgeheilter Infektion bleibende Gelenkschäden, Fehlstellungen oder Schonhaltungen zurückbleiben. In Einzelfällen: etwa bei wertvollen Zuchttieren, Minischweinen als Heimtiere oder im Rahmen tierschutzorientierter Einzelfallversorgung: können Bandagen oder stützende Orthesen unterstützend eingesetzt werden, um Gelenke zu entlasten und Fehlbelastungen zu reduzieren. Die Indikationsstellung erfolgt immer in Abstimmung mit dem behandelnden Tierarzt.
Mögliche Symptome
Lahmheit an einer oder mehreren Gliedmaßen
Geschwollene, warme und schmerzhafte Gelenke
Bewegungsunlust und vermehrtes Liegen
Fieber und reduzierte Futteraufnahme
Steifer, klammer Gang
Wachstumsverzögerung bei Ferkeln
Schonhaltungen und Muskelabbau bei chronischem Verlauf
Orthopädische Indikationen
Stützende Bandagen bei chronischen Gelenkinstabilitäten nach abgeheilter Infektion
Orthesen zur Entlastung dauerhaft geschädigter Karpal- oder Tarsalgelenke
Korrekturhilfen bei sekundären Fehlstellungen einzelner Gliedmaßen
Begleitende Versorgung bei Einzeltierhaltung (z. B. Minischwein) mit chronischer Gelenkproblematik
Häufige Fragen
Frühe Anzeichen sind Lahmheit, geschwollene Gelenke, Fieber sowie eine reduzierte Bewegungs- und Fressfreude. Besonders bei Ferkeln sollte man auf zurückbleibende Tiere achten, die sich von der Gruppe absondern. Bei Verdacht ist umgehend ein Tierarzt hinzuzuziehen, da eine frühe Behandlung die Prognose deutlich verbessert.
Ja, in Einzelfällen können nach abgeheilter Infektion individuell angefertigte Bandagen oder Orthesen helfen, geschädigte Gelenke zu stabilisieren und Fehlbelastungen zu reduzieren. Die Versorgung erfolgt nach tierärztlicher Diagnose und Maßanfertigung, da Schweine anatomisch und im Bewegungsablauf besondere Anforderungen an Hilfsmittel stellen.
Da häufig bakterielle Erreger ursächlich sind, die im Bestand zirkulieren, kann die Erkrankung mehrere Tiere betreffen. Hygienemaßnahmen, gute Stallklima- und Haltungsbedingungen sowie eine konsequente Behandlung erkrankter Tiere sind entscheidend, um die Ausbreitung einzudämmen. Konkrete Maßnahmen sollten mit dem Bestandstierarzt abgestimmt werden.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit eurem Tierarzt.