Ausführlich
Die Radialisparese beim Alpaka bezeichnet eine funktionelle Störung des Nervus radialis, eines der wichtigsten Nerven der Vordergliedmaße. Er entspringt dem Plexus brachialis im Bereich der Schulter und versorgt motorisch die Streckmuskulatur von Ellbogen, Karpus (Vorderfußwurzel) und Zehen sowie sensorisch Teile der Hautoberfläche. Fällt dieser Nerv aus, kann das Alpaka die betroffene Vorderextremität nicht mehr aktiv gegen die Schwerkraft strecken und stabilisieren.
Anatomische Besonderheiten beim Alpaka
Alpakas gehören zu den Neuweltkameliden und tragen ihr Körpergewicht auf zwei Zehen mit weichen Sohlenpolstern. Anders als beim Pferd fehlt eine Fesseltrageapparat-Konstruktion, sodass die aktive Muskelarbeit für den Stützapparat entscheidend ist. Der Nervus radialis verläuft eng an der Rückseite des Humerus (Oberarmknochen) und ist dort besonders anfällig für Druck- oder Zerrungsschäden.
Typische Ursachen
Stumpfe Traumata durch Stürze, Tritte von Herdenmitgliedern oder Anstoßen an Zäunen
Humerusfrakturen mit direkter Nervenbeteiligung
Längeres Liegen in Seitenlage, z. B. während einer Narkose oder bei festliegenden Tieren
Geburtstraumata bei Cria (Jungtieren) mit Zug an der Vorderextremität
Druckschäden durch enge Fixationen oder Transport
Klinisches Bild
Ein Alpaka mit Radialisparese zeigt typischerweise eine herabhängende Vordergliedmaße, die im Karpus und in den Zehengelenken durchgeknickt ist. Das Tier kann die Zehen nicht aktiv anheben und schleift sie beim Vorführen über den Boden. In der Stützphase bricht die Gliedmaße unter dem Körpergewicht ein. Bei kompletter Lähmung ist die Belastung unmöglich, bei Teillähmung (Parese) ist eine eingeschränkte Funktion erhalten.
Orthopädische Relevanz
Da Alpakas empfindlich auf Immobilität reagieren und schnell sekundäre Probleme wie Muskelabbau, Kontrakturen oder Dekubitus entwickeln, ist eine frühzeitige Versorgung entscheidend. Individuell angepasste Orthesen können die fehlende aktive Streckung ersetzen, die Gliedmaße in physiologischer Stellung halten und eine kontrollierte Belastung ermöglichen. So wird die Regeneration des Nervs unterstützt und dem Tier eine aktive Bewegung in der Herde erlaubt.
Mögliche Symptome
Herabhängende Vordergliedmaße
Durchgeknickter Karpus in der Stützphase
Schleifen der Zehen beim Vorführen
Unfähigkeit, die Gliedmaße aktiv zu strecken
Stützunfähigkeit oder deutliche Lahmheit
Muskelatrophie im Bereich Schulter und Oberarm bei chronischem Verlauf
Reduzierte oder fehlende Hautsensibilität an der Vorderseite der Gliedmaße
Orthopädische Indikationen
Individuell gefertigte Vordergliedmaßen-Orthese zur Stabilisierung von Ellbogen, Karpus und Zehe
Karpalorthese zur Verhinderung des Durchknickens im Vorderfußwurzelgelenk
Stützverband oder Cast-Alternative bei akuter Phase
Orthese zur Kontrakturprophylaxe während der Nervenregeneration
Hilfsmittel zur Wiederherstellung der Belastungsfähigkeit in der Herde
Häufige Fragen
Ja, bei reinen Druck- oder Zerrungsschäden ohne komplette Nervendurchtrennung besteht eine gute Chance auf teilweise oder vollständige Erholung innerhalb von Wochen bis Monaten. Voraussetzung ist eine konsequente orthopädische Unterstützung und tierärztliche Begleitung. Bei kompletter Nervendurchtrennung ist die Prognose deutlich schlechter.
Eine maßgefertigte Orthese ersetzt die fehlende aktive Streckung der Muskulatur, hält Karpus und Zehen in physiologischer Stellung und ermöglicht dem Alpaka das Auftreten und Laufen. Dadurch werden Folgeschäden wie Kontrakturen, Muskelabbau und Dekubitus vermieden und die Nervenregeneration unterstützt.
Warnzeichen sind eine plötzlich herabhängende Vordergliedmaße, das Schleifen der Zehen beim Laufen und das Einknicken beim Auftreten, häufig nach einem Sturz oder Trauma. In solchen Fällen sollte umgehend ein Tierarzt hinzugezogen werden, um Nervenschaden und begleitende Frakturen abzuklären.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit eurem Tierarzt.