Ausführlich
Shivering, auch als Zitterkrankheit bekannt, ist eine neurodegenerative Erkrankung des Pferdes, deren genaue Ursache bis heute nicht vollständig geklärt ist. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr und betrifft überwiegend großrahmige Pferderassen, insbesondere Kaltblüter und schwere Warmblüter. Männliche Pferde scheinen häufiger betroffen zu sein als Stuten.
Die Pathophysiologie von Shivering wird mit einer Degeneration der Purkinje-Zellen im Kleinhirn sowie Veränderungen in den motorischen Nervenbahnen in Verbindung gebracht. Diese neurologischen Schädigungen führen zu gestörten Bewegungsabläufen und unwillkürlichen Muskelkontraktionen. Das charakteristischste Symptom ist das plötzliche Hochreißen eines oder beider Hinterbeine mit gleichzeitigem Zittern der Muskulatur, besonders deutlich beim Rückwärtsrichten, Aufheben der Hufe für den Hufschmied oder beim Wenden auf engem Raum.
Klinische Erscheinungsformen und Verlauf
Die Erkrankung wird in verschiedene Schweregrade eingeteilt. Im Frühstadium zeigen betroffene Pferde nur gelegentliches Zittern der Hinterhand bei bestimmten Bewegungen. Mit fortschreitender Erkrankung nehmen die Symptome an Häufigkeit und Intensität zu. In schweren Fällen können auch die Vordergliedmaßen, der Schweif und sogar die Gesichtsmuskulatur betroffen sein. Das Rückwärtsgehen wird zunehmend unmöglich oder führt zu extremen Verkrampfungen mit Sturzgefahr.
Orthopädische und bewegungsbezogene Auswirkungen
Durch die gestörte Motorik und das chronische Muskelzittern entwickeln betroffene Pferde häufig Sekundärprobleme am Bewegungsapparat. Die abnormale Belastung der Gliedmaßen kann zu Sehnen- und Gelenkproblemen führen. Viele Pferde zeigen eine kompensatorische Überlastung der Vorderhand, da sie versuchen, die beeinträchtigte Hinterhand zu entlasten. Dies kann langfristig zu Arthrosen, Sehnenschäden und muskulären Verspannungen führen.
Diagnostik und Management
Die Diagnose erfolgt primär klinisch durch Beobachtung der charakteristischen Symptome, insbesondere beim Rückwärtsrichten und Anheben der Hinterbeine. Bildgebende Verfahren können helfen, andere neurologische oder orthopädische Erkrankungen auszuschließen. Eine ursächliche Behandlung existiert nicht, jedoch können physiotherapeutische Maßnahmen, angepasstes Training und orthopädische Hilfsmittel die Lebensqualität verbessern. Unterstützende Bandagen können die Propriozeption fördern und dem Pferd mehr Stabilität geben.
Die Prognose ist vorsichtig zu stellen, da Shivering progressiv verläuft. Viele Pferde können bei leichter Ausprägung noch für leichte Arbeit eingesetzt werden, während schwer betroffene Tiere oft aus Tierschutzgründen nicht mehr geritten werden können. Eine regelmäßige tierärztliche Kontrolle und Anpassung des Managements sind essentiell für das Wohlergehen betroffener Pferde.
Mögliche Symptome
Unwillkürliches Zittern der Hintergliedmaßen
Plötzliches Hochreißen eines oder beider Hinterbeine
Schwierigkeiten beim Rückwärtsgehen
Verkrampfung der Hinterhandmuskulatur
Probleme beim Aufheben der Hufe
Schwierigkeiten beim Wenden auf engem Raum
Schweifzittern
In schweren Fällen Beteiligung der Vordergliedmaßen
Gestörte Koordination der Hinterhand
Muskelsteifheit nach Ruhephasen
Orthopädische Indikationen
Stabilisierende Bandagen zur Verbesserung der Propriozeption
Unterstützende Gliedmaßenbandagen bei Sekundärschäden
Gelenkbandagen bei kompensatorischen Überlastungen
Korrekturbandagen bei Fehlbelastungen der Vorderhand
Häufige Fragen
Ist Shivering beim Pferd heilbar?
Nein, Shivering ist eine chronisch-progressive Erkrankung, für die es keine ursächliche Heilung gibt. Die Erkrankung schreitet in der Regel langsam fort. Durch physiotherapeutische Maßnahmen, angepasstes Training und orthopädische Hilfsmittel kann die Lebensqualität des Pferdes jedoch verbessert und der Krankheitsverlauf möglicherweise verlangsamt werden. Ein individuell angepasstes Management ist essentiell.
Kann ein Pferd mit Shivering noch geritten werden?
Dies hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. Pferde mit milder Ausprägung können häufig noch für leichte Arbeit genutzt werden, sofern dies unter tierärztlicher Aufsicht geschieht und das Pferd keine Schmerzen zeigt. Bei fortgeschrittener Symptomatik sollte aus Tierschutzgründen auf das Reiten verzichtet werden, da die gestörte Koordination und Muskelkontrolle zu Stürzen und Verletzungen führen können. Eine regelmäßige tierärztliche Beurteilung ist notwendig.
Welche Pferderassen sind besonders von Shivering betroffen?
Shivering tritt überwiegend bei großrahmigen, schweren Pferderassen auf. Besonders häufig betroffen sind Kaltblüter wie Belgische Kaltblüter, Percherons und Shire Horses sowie schwere Warmblüter. Männliche Pferde (Hengste und Wallache) erkranken statistisch häufiger als Stuten. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr, kann aber auch früher oder später auftreten.
Wie kann man Shivering von normalem Muskelzittern unterscheiden?
Shivering zeigt sehr charakteristische Muster: Das typische Hochreißen und Zittern der Hinterbeine tritt besonders beim Rückwärtsgehen, beim Aufheben der Hufe oder beim engen Wenden auf. Anders als physiologisches Zittern bei Kälte oder Aufregung verschwindet es nicht nach kurzer Zeit und ist an bestimmte Bewegungen gekoppelt. Die Symptome sind reproduzierbar und verschlimmern sich typischerweise im Verlauf. Bei Verdacht sollte umgehend ein Tierarzt zur Differentialdiagnose hinzugezogen werden.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit deinem Tierarzt.