Ausführlich
Der sekundäre nutritive Hyperparathyreoidismus (NSHP) ist eine der häufigsten haltungsbedingten Erkrankungen bei Reptilien wie Bartagamen, Leguanen, Wasserschildkröten und Chamäleons. Sinkt der Kalziumspiegel im Blut, schütten die Nebenschilddrüsen vermehrt Parathormon aus. Dieses mobilisiert Kalzium aus den Knochen, um den Blutspiegel konstant zu halten: auf Dauer entkalkt das Skelett und wird weich, verformbar und brüchig.
Ursachen bei Reptilien
Unzureichende UV-B-Bestrahlung, wodurch die körpereigene Vitamin-D3-Synthese in der Haut fehlt
Kalziumarme Fütterung (z. B. reine Mehlwurm- oder Salatkost ohne Supplementierung)
Ungünstiges Kalzium-Phosphor-Verhältnis im Futter
Zu niedrige Umgebungstemperaturen mit gestörtem Stoffwechsel
Nierenerkrankungen (renaler Hyperparathyreoidismus)
Orthopädische Relevanz
Durch den Kalziumverlust verlieren Knochen ihre Stabilität. Typisch sind bei Echsen deformierte Kiefer („Gummikiefer“), verbogene Wirbelsäulen (Skoliose, Kyphose), verformte Gliedmaßen (X- oder O-Beinstellung) und Spontanfrakturen. Bei Schildkröten kommt es zu weichem, verformtem Panzer („Höckerbildung“, einbrechendes Plastron). Chamäleons zeigen oft gebrochene oder verkrümmte Zehen und Extremitäten.
Behandlung und Hilfsmittel
Die primäre Therapie liegt in der Korrektur der Haltung: passende UV-B-Beleuchtung, Temperaturführung, kalziumreiche Fütterung und tierärztliche Substitution von Kalzium und Vitamin D3. Bei bereits bestehenden Deformationen oder Frakturen können individuell angefertigte orthopädische Hilfsmittel wie Schienen, Stützverbände oder maßgefertigte Orthesen die betroffenen Gliedmaßen stabilisieren und Fehlbelastungen reduzieren.
Da die Knochen bei betroffenen Reptilien sehr fragil sind, muss jede Versorgung besonders leicht, druckverteilend und individuell angepasst sein. Eine tierärztliche Abklärung ist zwingend, bevor orthopädische Hilfsmittel eingesetzt werden.
Mögliche Symptome
Weicher, verformbarer Unterkiefer ("Gummikiefer")
Verformter oder weicher Panzer bei Schildkröten
Verkrümmte oder verdickte Gliedmaßen
Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose, Kyphose)
Spontanfrakturen ohne adäquates Trauma
Bewegungsunlust, Zittern, Muskelzuckungen
Lähmungserscheinungen der Hintergliedmaßen
Verzögertes Wachstum bei Jungtieren
Orthopädische Indikationen
Stabilisierung frakturierter Gliedmaßen durch Leichtbau-Schienen
Stützorthesen bei Fehlstellungen der Extremitäten
Panzerstabilisierende Hilfsmittel bei Schildkröten mit MBD
Individuelle Korrekturhilfen bei Deformationen der Wirbelsäule
Entlastungshilfen bei chronischer Fehlbelastung
Häufige Fragen
Frühzeitig erkannt lässt sich der Verlauf durch Haltungsoptimierung, UV-B-Bestrahlung und tierärztliche Kalzium-/Vitamin-D3-Therapie meist stoppen. Bereits entstandene Knochendeformationen bleiben jedoch dauerhaft bestehen und können nur symptomatisch: z. B. durch orthopädische Hilfsmittel: unterstützt werden.
Erste Hinweise sind Bewegungsunlust, Muskelzittern, ein weicher Kiefer, schlechte Greiffähigkeit bei Chamäleons oder ein nachgebender Panzer bei Schildkröten. Bei Verdacht sollte umgehend ein reptilienerfahrener Tierarzt Röntgen- und Blutuntersuchungen durchführen.
Ja. Individuell gefertigte, sehr leichte Schienen und Orthesen können frakturierte oder deformierte Gliedmaßen stabilisieren, Fehlbelastungen reduzieren und die Mobilität verbessern. Voraussetzung ist eine tierärztliche Diagnose und eine begleitende Behandlung der Grunderkrankung.
Diese Erklärung ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Ob eine Versorgung aus der Werkstatt in Frage kommt, klären wir gemeinsam mit deinem Tierarzt.